Praktikum

Aus dem Bericht einer Kollegin:

Gestern war der letzte Tag unserer Uni-Praktikantin. Es handelte sich um das 6-wöchige Pflichtpraktikum beim RA während des Studiums. Sie, nennen wir sie mal E., ist im 5. Semester und hat sogar schon eine (!!!) Hausarbeit geschrieben. (Ich will ja nicht angeben, aber ich war da schon „scheinfrei“).

Es fing damit an, dass ich zufällig neben ihr stand, als sie gerade einen Text versuchte zu schreiben. Beiläufig erwähnte sie, dass sie gerade die „römische 5“ auf ihrer Tastatur suchen würde. Häääääähhh ??? Und ich dachte noch, Humor hat sie ja. Frage sie, was sie denn machen würde, wenn sie die „römische 1 oder 10“ bräuchte. Antwort: „Ja, die habe ich auch noch nicht gefunden!“ Auuuaahhhh!!! Das war gar kein Witz, die meint das Ernst.

Ich habe ihr dann vorgeschlagen, bis sie die „römische 5“ gefunden hat, ersatzweise das „große v“ zu nehmen. Später erzählt sie meiner Kollegin, dass sie in der Hausarbeit die römischen Zahlen immer aus dem Internet kopiert hätte. Naja, wenigstens weiß sie sich zu helfen.

Nächstes Kapitel: Juristisches Arbeiten!!! Ganz schwierig. Palandt??? Was ist das??? Das hatten wir noch nicht. Das kann ich nicht lesen, da stehen so komische Abkürzungen drinne. OK, fangen wir mit den einfachen Sachen an. Ich gebe ihr einen klitzekleinen Verkehrsunfall. Auto kommt aus untergeordneter Straße, biegt in Hauptstraße ein und fährt dabeimeinen Mandanten an, der gerade die Hauptstraße überquert. (Anmerkung: Sie hat bereits einen Führerschein, habe ich extra nachgefragt.) Versicherung sagt mal so lapidar: Fußgänger hat ja nix auf der Straße zu suchen. Ich gebe ihr also eine STVO und den entsprechenden Kommentar (hilfe, schon wieder so ein Buch mit unleserlichen Abkürzungen) dazu und sage ihr schonmal so grob, welche §§ wohl einschlägig sind, wogegen also der Autofahrer so alles verstoßen hat. Sage dazu, die Versicherung hat keine Ahnung, such doch mal ein bischen was raus, um die davon zu überzeugen, dass man Fußgänger vielleicht doch nicht einfach so anfahren darf. Erste Reaktion: „Unfälle hatten wir in der Uni aber noch gar nicht.“

OK. Sage ihr, dass die Warscheinlichkeit, das in der Uni zu lernen nicht sehr hoch ist, dass man sich das aber recht leicht erarbeiten kann. Dachte ich zumindest, denn immerhin habe ich ihr den Kommentar ja schon vor die Nase gelegt und ihr quasi die richtigenTextstellen schon genannt. Letztendlich stellt sie sich der Herausforderung. Nebenbei erzählt sie unserer Azubine, die verzweifelt versucht sich auf das Schreiben von Diktaten zu konzentrieren, ungefähr alle 10 Minuten, dass sie schon wieder gar keine Lust hat. Nachdem sie sich einen ganzen Tag lang damit beschäftigt hat, erzählt sie mir ganz stolz, dass sie etwas enorm Interessantes herausgefunden hat. Auf der Homepage einer Fahrschule hätte sie gelesen, dass Einmündungen mit einem abgesenkten Bordstein untergeordnet sind und daher wohl die andere Straße Vorfahrt habe. Wahnsinns-Erkenntnis !!! Gut, dass es das Internet gibt. Woher wüßte die Menschheit sonst nur, wer Vorfahrt hat……

OK, Jura ist im 5. Semester wohl doch noch zu schwierig. Versuchen wir es mit einfachen Sekretariatsaufgaben: Unsere Azubine bringt ihr bei, wie man ans Telefon geht und mit der Telefonanlage umgeht. Gespräch annehmen, auf dem Bildschirm auf das Foto der/des zuständigen Anwalts einfach klicken (wir sind nur zu viert, ist also noch überschaubar, das mit den Fotos ist nur so eine kleine Spielerei. Zur Sicherheit stehen unter den Bildern auch noch unsere Namen), uns mitteilen, wer am Telefon ist und dann einfach auflegen. Beim Doppelklick werden wir direkt mit dem Anrufer verbunden, ohne dass dieser vorher angekündigt wird. Damit man aber weiß, mit wem man verbunden wird, werden die Leute eigentlich immer angekündigt. Freunde haben ohnehin die direkten Durchwahlen. Wir sehen dann auf dem Bildschirm, dass das Sekretariat anruft und melden uns gerne auch schon,mal mit „wenn das Mandant x ist, dann bin ich jetzt gerade nicht da“ oder „mmmhpf, mmmmpff, geht gerade nicht, ich bin am Essen, rufe später zurück, sag einfach ich bin im Gespräch“ oder besonders beliebt auch „was will der denn schon wieder?“. (kennt ja sicherlich jeder so oder so ähnlich). Sehr gefährlich, wenn da eine Praktikantin sitzt, die einfach klicken nicht von Doppelklicken unterscheiden kann. Peinlich, peinlich…, wenn dann der Mandant genau das hört, was eigentlich fürs Sekretariat bestimmt war.

Nebenbei fragt sie dann noch, was das RA bedeutet, das vor unseren Namen steht, die unter den Fotos der Telefonanlage stehen. Aaaauuuuuhhhh !!! Was wohl ??? „Raumausstatter“, „rennender Anwalt“ oder vielleicht „recht alt“???

Unsere Azubine ist ein sehr geduldiger Mensch und hat sie aufgeklärt, dass das RA für Rechtsanwalt steht. Sie war gaaaanz überrascht.

OK, geben wir ihr einfach was zu lesen. Vielleicht ein paar einfache Schriftsätze. Frage im Vorbeigehen: Was heißt „in Abrede stellen“?
OK, Lektüre ist wohl zu anspruchsvoll.

Versuchen wir es nochmal mit Jura. Diesmal Strafrecht. Das ist ihr Lieblingsgebiet und das macht ihr selbstredend viel Spaß. Ich gebe ihr ein Urteil von meinem Kollegen und ein Alpmann-Referendar-Skript zur Revision. Ich zeige ihr, auf welchen Seiten in dem Skript etwas über „Die Revision aus Anwaltssicht“ steht. Vorsichtshalber frage ich sie noch, ob sie schonmal mit Alpmann-Skripten gearbeitet hat, was sie mir bejaht. Aber: „Revision hatten wir aber in der Uni noch nicht“ OK, sage ihr, sie solle einfach mal gucken, ob sie was findet. Sage ihr auch, mein Kollege würde ihr später noch das Verhandlungsprotokoll dazu geben. Nachdem sie stundenlang im Skript geblättert hat, fragt sie unsere Azubine doch tatsächlich „was ist Revision“. Booooahhhhh, das weiß doch jeder, das ist Allgemeinbildung. Jeder zweite Mandant sagt uns regelmäßig „da machen wa dann ma Revision“. Aber im 5. Semester Jura, da muss man sowas wohl noch nicht wissen.

Später frage ich sie so im Vorbeigehen, ob mein Kollege ihr inzwischen schon das Verhandlungsprotokoll gegeben hat. Sie sagt ja, ich sehe aber auf ihremSchreibtisch nur das Urteil. Frage vorsichtshalber aber nochmal nach, ob sie da schon reingeguckt habe. Sie sagt, sie lese es gerade, hält aber das Urteil in der Hand. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass sie gerade ein Urteil lesen würde. Frage daraufhin: „Was ist der Unterschied zwischen einem Urteil und einem Protokoll ?“ Was soll man dazu sagen? Ist ja fast das selbe.

Irgendwie hat sie dann rausgefunden, dass es da eine Frist gibt. Auf ihrem Bildschirm sehe ich Gesetzestext. Huuiii, es geht doch. Nachdem sie mir erklärt, dass die Frist 2 Monate wäre, gucke ich genauer hin. (Ich mache zwar kein Strafrecht, aber das hatte ich doch anders in Erinnerung) Ich frage sie, wo sie denn nachsieht. Antwort: „Weiß ich nicht, ich habe einfach mal Revision bei Google eingegeben“

Wow, das Internet hat?s schon wieder gerettet. Begebe mich zu ihr an den Bildschirm und scrolle mal hoch. Stelle fest, dass sie in der ZPO liest. Mache sie darauf aufmerksam mit dem Resultat: „Wieso ist das falsch?“.

Damit sie beschäftigt ist, lassen wir sie einfach weiter in der ZPO nach den Voraussetzungen einer strafrechtlichen Revision suchen. Nachdem sie sich 3 Tage damit beschäftigt hat, erklärt sie meinem Kollegen, „er bräuchte keine Revision einzulegen, das Urteil hört sich doch ziemlich gut an.“ OK, gutes Ergebnis, wennn man bedenkt, dass das arme Kind Revision in der Uni ja noch nicht hatte.

Und zum Schluss widmen wir uns nochmal den ganz schwierigen Aufgaben: Posteingang !! Unsere Azubine erklärt ihr die Funktionsweise eines handelsüblichen Brieföffners und eines Posteingangsstempels. Vorsichtshalber stellt sie das Datum selber richtig ein. Frage im Vorbeigehen: „Was bedeutet RAin?“ Naja, was wohl, Raumaustatterin!!! Ist doch naheliegend, wenn RA = Rechtsanwalt.

Später haben wir überlegt, ob wir ihr nicht erklären sollten, dass auf der Eingangspost immer „Rain“ und auf der Ausgangspost immer „Raus“ vor unseren Namen steht. Aber man ist ja nicht so gemein.

Zu Beginn des Praktikums hatten wir uns beim Caffee irgendwann mal über die doooofe GEZ unterhalten. Daraufhin haben wir ihr gesagt, dass wir zu allen, die in unser Büro kommen erst einmal nett und höflich sind, außer es handelt sich um die GEZ. Die werden sofort wieder rausgeschmissen. (Allgemeine Arbeitsanweisung.) Seit dem hat sie keine Mandanten mehr reingelassen ohne sich vorher zu vergewissern, ob die nicht von der GEZ sind. (Hat unsere Azubine uns jetzt im Nachhinein erzählt. Sie hat dann lieber immer selber die Tür aufgemacht.)

Gestern hat sie sich dann verabschiedet. „Ich habe wirklich viel gelernt“ Wir auch !!!
Ich weiß jetzt, das die vielen, vielen Blondinenwitze alle von unserer Praktikantin hätten sein können.
Aber gut dass sie da war. Wir waren diese Woche mit der gesamten Bürogemeinschaft und unseren 2 Azubinen Essen und hätten längst nicht so viel zu lachen gehabt, wäre E. nicht bei uns gewesen.

Und ich könnte diese Mail nicht an meine Freunde schicken und in die Liste stellen und allen meinen Kollegen und Freunden auch was zu Lachen geben.

Und wenn einer die „römische 5“ auf seiner Tatsatur findet, schreibt mir doch, ich leite die Mail dann an unsere Praktikantin weiter.

Justitia Colonia dankt der Berichterstatterin für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung.

7 Responses to Praktikum

  1. fsone sagt:

    Hehehe! Selten so spät nachts noch so gut gelacht! Geschichten die das Leben schreibt sind einfach die besten😉

  2. Sancho Panda sagt:

    gggggggggg
    eigentlich is das so traurig.. man sollte das all jenen zu lesen geben die meinen bildung hätte was mit intelligenz zu tun *aufheul*

  3. Pingback: praktikanten « Wenn Sanja sich langweilt…

  4. rhgsig sagt:

    jepp ! jubel ! freude !

    da bin ich an meinem erstsemestler-praktikanten doch ziemlich froh. Und ich dachte noch, wie wir das praktikum vereinbart hatten, scheisse, die können kja noch gar nix – aber hiergegen ist der ja ein richtiges as !

    schönes wochende – selten so gelacht !:)

  5. Sebastian sagt:

    Das ist unglaublich. Ich mein, das kann doch nicht wirklich so passiert sein? Den Ascii-Code für eine römische 5 sollte man nun wirklich aus dem Kopf wissen.

  6. Hootch sagt:

    „“was ist Revision”. Booooahhhhh, das weiß doch jeder, das ist Allgemeinbildung.“

    Mag sein, ich kenne auch den Unterschied zwischen Revision und Berufung (bei dem einen wird die Beweislage erneut geprüft, beim anderen wird geprüft, ob das Recht richtig angewandt wurde (glaube ich)) – Nur eines kann ich mir nicht merken: Was wird wo gemacht?

    Grüße!

  7. Pingback: Zeuch XIII « KOW’s Blog

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