Naiv?

Gestern erhielt ich auf meinen Beitrag „Polizeiwillkür in Sachsen“ hin folgende E-Mail, auf die ich, nach einer leckeren Latte Macchiato, im Anschluß öffentlich antworten möchte:

Sehr geehrter Herr Schwartmann,

Ich finde es toll wie sie sich für Interessen ihres Vereins einsetzten,wie Fans ihres Vereines sich allerdings schon seit ca. 35 Jahren,ach ja so lange fahre ich schon selber zu jedem Spiel unserer Borussia,sich verhalten,da wundern sie sich über das Verhalten der Polizei.Da kann man nur noch mit dem Kopfschütteln,und man muss sich hinterfragen,sind sie naiv?sind sie blind?oder einfach nur ohne Ahnung???

Wir waren dieses jahr 3 x zuBesuch im Energie Stadion,3x wurden Gästefans in der Nordkurve beschimpft,bespuckt,mit Bierbechern beworfen,3x wurden fans körperlcih,vor allem gegen Unteraching angegriffen.

Warum unternehmen sie denn dies bezüglich nix,ach ja sind Gästefans,ihr Kölner dürft das ja,ihr seid brav,ihr seid wie seit 35 Jahren immer nur die Opfer.

Immer diese Kölner,immer die Opfer nie die Täter.Jetzt hat endlcih mal ein polizei Organ so gehandelt,wie man bestimmte FC Fan Gruppierungen behandeln muss. Gewalt gegen Gewalt,ist keine Löäsung, aber mich persönlich und auch viele andere Mitglieder unsere Fan Clubs hat es gefreut ,das ihre „OPFER“ endlich das bekommen haben ,was sie eigentlich schon seit Jahren verdient haben, nämlich mal die Gewalt gegen sich selber zuspüren.

Wir die Kölschen Borussen verabscheuen Gewalt in jeder Form,nicht das wir uns missverstehen.

Aber,ihr ,bzw. sie lehnen sich sehr weit aus dem fenster,es gab bereits einige Videos zusehen,von wo ganz klar die Provokation herkam,und das war von euch FC Fans,insbesondere Wilde Horde!Dies ist auf vielen Videos zusehen.

Mich intressiert nur,wie sie damit umgehen,mit dieser Situation,denn wer keinen Ärger haben will,bekommt auch keinen Ärger im Stadion,ich war früher selber ein sehr bekannter Holligan,aber seit 14 Jahren,verabscheue ich das was in den Stadion passiert. Täter nicht als Opfer darstellen,sollte gerade für sie als Rechtsanwalt doch klar sein,oder?

Sicherlcih gab es viele die nix damit zutun hatten,aber warum stehen dies leute dann da rum,filmen und schauen zu?Will Ich keinen Ärger,geh ich da weg,so einfach ist das.

Mir graut es jetzt schon,bei euch nächstes JAHR ZUM DERBY zufahren.

Weil,jetzt schon jeder weiß was da passieren wird.

Mit freundlichen Grüßen

Sehr geehrter „Kölsche Borusse“,

nein, ich finde meine Sicht der Dinge nicht naiv. Denn ich kann sehr wohl unterscheiden zwischen provozierenden Halbstarken mit dummen Sprüchen auf der einen Seite – und martialisch auftretender Staatsgewalt mit Schlagstöcken und Pfefferspray auf der anderen.

Ich kann auch unterscheiden zwischen asozial agierenden Pseudo-Fans – und gut ausgebildeten und trotzdem prügelnden Polizisten. Erstere sieht man in den im Internet kursierenden Videos, letztere aber auf anderem Material, welches dem Dachverband der Kölner Fanclubs und dem Verein vorliegen.

Daß die öffentlich bekannten 2 Minuten-Videos weitestgehend nur provozierende, als Fan verkleidete Hohlköpfe zeigen, bedeutet nicht, daß es die von zahlreichen Augenzeugen beschriebene willkürliche Polizeigewalt nicht gegeben hat. Es gibt genug Zeugen, die Ihnen erzählen können, welche Polizeigewalt sich abseits der YouTube-Szenen ereignet hat.

Und diese kann auch nicht mit bierbecherwerfenden Fans und Beschimpfungen rechtfertigt werden. Denn es ist ein Unterschied, ob ein Polizist von Dummköpfen übel beschimpft und beleidigt wird, oder ob dieser Polizist sich dann, derart provoziert, mit seinem Schlagstock revanchiert. Ersteres ist eine rein verbale Provokation, letzteres eine unangemessene und brutale körperliche Überreaktion, die in keinem Verhältnis zu der vorangegangenen actio (= Provokation) steht.

Wer einen Polizisten oder Sie oder mich beleidigt, muß damit rechnen, zur Rechenschaft gezogen zu werden: Personalien feststellen, Anzeige erstatten, alles weitere machen dann Staatsanwalt und Gericht.

Völlig neben der Sache liegt es aber, Provokateure und Unbeteiligte willkürlich mit Pfefferspray anzugreifen und niederzuknüppeln. Dieser massive Eingriff in die persönliche Unversehrtheit ist unverhältnismäßig und nicht gut zu heißen. Aus Opfern (nämlich den beleidigten Polizisten) werden so sehr schnell Täter.

Und gerade diese Täter sollten in ihrer Ausbildung gelernt haben, in solchen Situationen besonnen und deeskalierend zu reagieren. Als Polizeibeamter muß man damit rechnen, bei einem Fußballspiel verbal angegangen zu werden. Wer als Polizist seine Ruhe haben möchte, mag stattdessen bei einem Golfturnier eingesetzt werden – beim Fußball geht es eben auch verbal etwas lauter und heftiger zu. Wer damit nicht umgehen kann, hat im Staatsdienst nichts zu suchen.

Selbstjustiz, denn darauf läuft Ihrer Argumentation hinaus, ist auch beleidigten Polizeibeamten nicht gestattet und inakzeptabel.

Und ja: Es wundert mich, daß dies den sächsischen Beamten in Aue offensichtlich nicht bekannt war.

Bezeichnend ist es, daß die vor Ort anwesenden Beamten der Kölner Polizei ihre Kollegen aus Sachsen vergeblich um Deeskalation der Situtation ersucht haben. Bezeichnend ist auch, daß eine Polizeibeamtin des Bundesgrenzsschutzes, die als Fan des 1. FC Köln in zivil das Spiel besuchte, nur durch ihren Dienstausweis davor bewahrt wurde, ebenfalls Opfer eines polizeilichen Schlagstockes zu werden.

Sie haben unbestritten damit recht, daß auch viele „Fans“ keine Engel sind. Wer zu einem Fußballspiel geht und von dem Spiel gar nichts sieht, weil er stattdessen lieber die gegnerischen Fans und die anwesende Staatsmacht provoziert und beschimpft, der hat dort nichts verloren. Straftaten dieser Provozierer müssen selbstverständlich geahndet werden.

Aber als Gewalt ablehnende und den Fußball liebender Fan haben wir beide, Sie und ich, den berechtigten Anspruch, das Spiel des Erzgebirge Aue gegen den 1. FC Köln oder (nächstes Jahr) gegen Borussia Mönchengladbach besuchen zu können, ohne Opfer eines polizeilichen Schlagstockes zu werden, nur weil wir den „falschen“ Fan-Schal tragen und die Staatsmacht sich durch dumme Sprüche provoziert fühlt.

Ich denke, in diesem Punkt werden wir konform gehen – und wünsche uns beiden ein schönes und friedliches Derby im nächsten Jahr. Der FC wird natürlich gewinnen.🙂

Mit freundlichem Gruße aus Köln

Andreas Schwartmann

PS.: Die Kölner Fans bedanken sich ausdrücklich bei den Aachener Kollegen, die am vergangenen Samstag ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht haben.

2 Responses to Naiv?

  1. andy sagt:

    Möchte noch anmerken, falls dies der „kölsche Borusse“ liest, dass das Geschehene ja nicht nur den „bösen“ Kölnern passiert, sondern nahezu jedem Auswärtsanhang! Auch ihrer Borussia !

  2. Mario sagt:

    An Kölscher Borusse,

    erstmal möchte ich mein Beileid aussprechen das Sie scheinbar Ihre Meinung nicht ganz korrekt artikulieren können.

    Desweiteren wüsste ich allerdings gerne wo speziell gegen Unterhaching (ja so heißt es richtig) Gästefans attackiert wurden? Abgesehen davon es nur rund 100 Fans waren (wenn überhaupt) halte ich das für schlicht weg falsch!

    Weiterhin sollten Sie sich nochmal eingehend informieren, denn Ihr Slogan „wer keinen Stress haben will geht einfach weg“ hat in Aue leider nicht funktioniert.

    Sie werden aber jetzt wohl sagen „Pech gehabt“ wenn man als Kölner Pack dahin fährt hat man es eh nicht anders verdient.

    Ich wünsche Ihnen bereits jetzt ( und das meine ich Ernst) das Sie selbst nicht einmal in eine derartige Situation geraten (und das können Sie auch wenn sie aufpassen) das man Ihnen den Schlagstock über den Kopf zieht weil Sie einfach da standen wo Sie standen…

    Vielleicht einfach nochmal über das von Ihnen geschriebene nachdenken!

    Gruß

    Mario Löhr

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