„So eine Scheiße ist das hier!“

Heute morgen vor dem AG Oberhausen. Termin zur mündlichen Verhandlung über eine Werklohnklage meines Mandanten, der für die beklagte GmbH Küchen montiert hat und nicht bezahlt wurde.

Für die anwaltlich nicht vertretene Gegenseite ist die Geschäftsführerin erschienen, mit dem Prokuristen im Schlepptau.

Schriftsätzlich hat die Gegenseite die Forderungen meines Mandanten bereits im März unstreitig gestellt, aber mit angeblichen Gegenforderungen aufgerechnet, da der Kläger schlecht gearbeitet habe. Beweise wurden nicht angeboten.

Mit Schriftsatz habe ich Ende April für den Mandanten diese Gegenforderungen bestritten.

Seitdem: Funkstille.

Die Richterin hört sich also an, wie die Beklagte ihre Gegenforderungen begründet und weist darauf hin, dass dafür bislang kein Beweis angeboten sei. Der Prokurist erklärt vollmundig: „Kein Problem, wir können hier eine ganze Reihe von Zeugen antanzen lassen.“

Die Richterin erläutert die Verspätungsvorschriften der ZPO. Ich weise ebenfalls darauf hin, dass die Gegenseite drei Monate Zeit gehabt hätte, auf meinen letzten Schriftsatz zu antworten und Beweis anzutreten und dass ich nunmehr ausdrücklich Verspätung rüge.

„Das ist doch dummes Zeug, was Sie da erzählen!“ Die Richterin weist den älteren Herrn darauf hin, dass dies keineswegs dummes Zeug sei und die Beklagte ihre Gegenforderungen „jedenfalls in diesem Verfahren“ nicht mehr bewiesen bekäme. 

„Dann werden wir eben eine Gegenklage einreichen!“. Die Richterin erläutert in aller Seelenruhe, dass die Beklagte das gerne vor dem dann örtlich zuständigen Gericht machen können, aber hier verlieren würde. Ob sie die Klage anerkennen wolle?

„Auf keinen Fall erkennen wir die Klage an!“

Es wurde also ein Verkündigungstermin bestimmt und die Sitzung geschlossen.

Plötzlich haut der Prokurist mit der Faust auf den Tisch und brüllt: „So eine Scheiße ist das hier!“ Er macht Anzeichen, auf meinen Mandanten loszugehen.

Die Richterin kündigt erschrocken an, die Wachtmeister rufen zu wollen, doch die Geschäftsführerin hat ihren Prokuristen schon gepackt und aus dem Sitzungssaal gezogen … 

Ein Anwalt der nachfolgend terminierten Sache fragt „Ist das hier heute Barbara Salesch?“ und die Richterin, noch geschockt, antwortet nur, so etwas habe sie auch noch nicht erlebt.

Fazit: Auch wenn vor dem Amtsgericht kein Anwaltszwang herrscht, kann es nie schaden, sich anwaltlich vertreten zu lassen. Denn der kennt sich in der ZPO aus. Und muss dann auch nicht brüllen.

 

 

 

10 Responses to „So eine Scheiße ist das hier!“

  1. Manche Menschen können angeblich ja alles. Die wirksamste Art zu lernen, ist diejenige über den Geldbeutel.

    RAin Petra Hildebrand-Blume

    • Interessant wird es im Übrigen werden, wenn das Gericht auch rechtskräftig über die zur Aufrechnung gestellten Gegenansprüche entscheiden sollte … denn dann können die sich ihre Gegenklage auch gleich in die Haare schmieren.🙂

  2. RA Laurischk sagt:

    Vor allem hätte ein Anwalt wohl die sog. Flucht in die Säumnis angetreten und das Verfahren damit – bei Begründetheit der Gegenansprüche – noch retten können.

    • Natürlich, aber das habe ich der polternden Gegenseite natürlich nicht verraten …

  3. Bernd sagt:

    Ich kenne das so, dass das Gericht in solchen Fällen auf die Möglichkeit einer Säumnis hinweist.

    • Dazu sah die Richterin offenbar keine Veranlassung.

  4. Pitch sagt:

    wie bekommt man denn ein Säumnisurteil, wenn man erschienen ist?

    • Indem man keinen Antrag stellt.

  5. XYZ sagt:

    „Gegenklage“ / Widerklage unterliegt nicht der Präklusion, hätte also auch noch im Termin funktioniert.

  6. Wenn die Gegenseite in die Säumnis fliehen will, kann/muss ich als Anwalt dann nicht einfach den Antrag auf VU unterlassen und meinen Antrag aus der Klageschrift stellen?

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