beA – (m)ein erster Eindruck

Seit heute ist also das „besondere elektronische Anwaltspostfach“ (beA) für alle in Deutschland zugelassenen Anwälte erreichbar und nutzbar. Was man dafür tun muss, um es nutzen zu können, habe ich andernorts ausführlich beschrieben.

Mein erster Eindruck, nachdem ich mich einige Zeit mit der beA-Oberfläche beschäftigt habe: Ich bin sehr enttäuscht. Es mag sein, dass die lange Wartezeit eine besondere Erwartungshaltung bei mir erzeugt hat. Aber die Software ist leider sehr schwerfällig und unausgereift. Dass ich eine Nachricht nicht mit Doppelklick öffnen kann, sondern oben erst auf „Öffnen“ gehen muss, ist nicht zeitgemäß (Update: 29.11.16: Heute klappt es dann doch, mit kurzer Wartezeit. Entweder wurde nachgebessert, oder ich war gestern zu ungeduldig). Dass beim Beantworten einer Nachricht der Originaltext nicht als Zitat gesetzt wird, ist ebenfalls unverständlich. Beim Export einer Nachricht wird keine einzelne PDF-Datei erzeugt – das wäre ja zu einfach. Nein – jede Seite generiert eine eigene HTML-Datei und dann wird alles in eine ZIP-Datei gepackt. Warum einfach, wenn es auch umständlich geht? Muss ich noch darauf hinweisen, dass man natürlich auch keine Shortcuts findet? Eine Möglichkeit, eingehende Nachrichten zu filtern, gibt es auch nicht.

Dass ich mit meiner beA-Karte nicht signieren kann, weil die Signaturfunktion noch „aktiviert“ werden muss und ich deshalb auf meine bisherige qualifizierte Signaturkarte (ebenfalls von der BNotK) zurückgreifen muss, mag ein Einzelfall sein. Aber das wirft die Frage auch, weshalb ich überhaupt eine eigene, teure beA-Karte benötigte, denn die „alte“ Karte, die ich bisher fürs EGVP verwendet habe, kann ich auch als Sicherheitstoken für den Zugang zum beA verwenden. Das hätte man anders lösen können. Preiswerter. Honi soit qui mal y pense.

Nutzen wird das beA wohl in den nächsten 13 Monaten kaum ein Kollege, denn dazu müsste er ja erst davon ausgehen können, dass sein anwaltliches Gegenüber eingehende beA-Nachrichten rechtsverbindlich gegen sich gelten lassen muss. Also heißt es: vorher nachfragen. In der Zeit, die man für solche Recherchen aufbringt, kann man das Schreiben dann auch direkt faxen. Ich habe mir heute auch überlegt, ob ich „beA im Einsatz“ auf Homepage und/oder Briefkopf schreiben sollte. Indes: Mir ist kein überzeugender Grund dafür eingefallen. Eingehende Faxe bekomme ich sofort als PDF in mein E-Mail-Postfach und kann sie überall und jederzeit lesen. Eingehende beA-Nachrichten kann ich nur lesen, wenn ich die beA-Karte in den Kartenleser stecke und die beA-Webseite aufrufe um eingehende Post zu öffnen. Eine Nutzung über Smartphone oder Tablet ist nicht möglich. Wer beA-Nachrichten auch zuhause lesen möchte, wird um ein zweites Lesegerät nicht herumkommen. Da lasse ich mir von Kollegen doch lieber ganz normale Faxe schicken, die ich dann als PDF auch direkt per E-Mail an meinen Mandanten weiterleiten kann.

Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass kein Weg an der digitalen Kommunikation vorbeiführt. Aber dieses beA hat sein „b“ nicht verdient. Es ist leider zu einer Art BTX AOL für Anwälte geworden. Von Usability á la 2016 keine Spur. Und bis zum 01.01.2018 sind wir alle zahlende Beta-Tester, wie man schon daran sehen kann, dass die beA-Software noch eine Versionsnummer hat, die kleiner als 1 ist.

2016-11-28

Um das klar zu sagen: Ich bin Neuem gegenüber stets aufgeschlossen und kann die Verweigerungshaltung, die manche Anwälte bisher an den Tag gelegt haben, nicht nachvollziehen. Der AGH Berlin hat deren Argumenten ja jetzt auch eine klare Absage erteilt. Aber mit dem Produkt beA, wie es sich nun präsentiert, schafft man keine Akzeptanz, insbesondere nicht in dem traditionell technikfeindlichen Berufsstand der Anwälte. Beim Verfassen meiner Anleitungen zur Bestellung der Karte und Einrichtung des Postfachs ist mir klar geworden: Wer in den 70ern oder 80er Jahren sein Examen gemacht hat und seine freie Zeit seit dem lieber mit der NJW verbringt als mit der c’t oder dem Heise-Newsticker – der wird ab dem 01.01.2018 ein großes Problem haben. Oder viel Geld für Schulungen und IT-Profis ausgeben müssen. Denn dann soll die Nutzung von beA verpflichtend werden. Vielleicht holen sich die beA-Programmierer ja bis dahin noch die ein oder andere nützliche Anregung von Gmail oder Outlook.com. Denn Google und Microsoft machen vor, wie nutzerfreundlich E-Mail-Postfächer heutzutage sein können – und sein sollten, wenn es eine Nutzungspflicht gibt.

P.S.: Eine Einbindung des beA-Systems in gängige Kanzleisoftwarelösungen ist vorerst nicht in Sicht. Im Support-Forum von Advoware teilte ein Programmierer dazu heute nüchtern mit: „Den Softwareherstellern ist immer noch kein Testserver zur Verfügung gestellt worden. Eventuell kommt er im Dezember.“

5 Responses to beA – (m)ein erster Eindruck

  1. Lieber Herr Schwartmann,

    danke fuer Ihre Vorreiterrolle, Sie helfen damit vielen Kollegen.

    In der Tat koennte die Bedienerfreundlichkeit verbessert werden, das wird sicher in den naechsten Updates kommen.

    „Dass beim Beantworten einer Nachricht der Originaltext nicht als Zitat gesetzt wird, ist ebenfalls unverständlich.“

    Das Textfeld sollte in der Regel ohnehin nicht benutzt werden, betrachten Sie es als Briefumschlag. Der Text sollte als Anlage (im Idealfall PDF/A) beigefuegt werden, dann kann auch die Kanzlei mit einem elektronischen Briefkopf alle erforderlichen Angaben machen.

    „Wer beA-Nachrichten auch zuhause lesen möchte, wird um ein zweites Lesegerät nicht herumkommen.“

    Sofern Sie nur lesen und nicht signieren moechten, genuegt ein Softwarezertifikat (allerdings sind diese derzeit nur vorbestellbar und sollen demnaechst „richtig“ bestellt werden koennen). Dann koennen Sie sich ohne Kartenlesegeraet einloggen und mit Ausnahme der Signatur alles machen.

    „Eine Einbindung des beA-Systems in gängige Kanzleisoftwarelösungen ist vorerst nicht in Sicht.“

    Die Softwarehersteller arbeiten an den Schnittstellen. Diese sollen im Laufe des Jahres 2017 zur Verfuegung stehen. Immerhin arbeiten etwa die Haelfte aller Anwaelte ohne Software. Es ist zwar vom Workflow nicht so komfortabel, aber man kann mit der Webversion und etwas mehr „Handarbeit“ arbeiten.

    Ich gebe Ihnen Recht, dass beA „noch in den Kinderschuhen“ steckt. Betrachten Sie es als zusaetzlichen Kommunikationskanal, der neben den klassischen Kanaelen eroeffent worden ist. Im Laufe der Zeit werden Fax und Briefpost zunehmend verschwinden und spaetestens 2022 wird beA zum Alltag gehoeren. Und bis dahin fliesst noch viel Wasser den Rhein hinunter;-)

    Schoene Gruesse, Ilona Cosack

  2. Markus Stamm sagt:

    Der erste Eindruck, den das System bei mir hinterlassen hat, ist katastrophal.

    Es beginnt mit der Client Security, von der man ja erst eher spät erfuhr, daß man sie braucht. Nun ist sie da, und die Installationsroutine hat nicht einmal eine Codesignatur. Kommentar des Helpdesk dazu war, man könne die Client Security ja nur von der einen Website aus runterladen, da braucht man doch keine Codesignatur. Das ist wirklich zum Schreien. IT-Grundschutz, Maßnahme M 4.117, ist offenbar bei der BRAK unbekannt.

    Daß es bei der bea-Website dann auch nicht für ein SSL-Zertifikat mit Extended Validation gereicht hat, wundert mich auch nicht mehr, wenngleich ich dazu auch noch ein Ticket öffnen werde.

    Die Bedieneroberfläche ist grob benutzerunfreundlich. Schon die Schriftgröße „normal“ ist viel zu groß, viel zu viel Platz wird durch Bedienelemente belegt, die man viel effizierter kleiner machen könnte. Auch die Farbgebung ist weniger der Nutzerfreundlichkeit als vielmehr einem zweifelhaften Design geschuldet. Unterschied zwischen Kontrast normal und hoch? Verschwindend. Aber vielleicht vertraut man ja darauf, daß sehbehinderte Anwälte sowieso einen Screenreader nutzen, und es dann aufs Design auch nicht mehr ankommt.

    Daß das Textfeld „in der Regel nicht benutzt werden sollte“, wie Frau Cosack schreibt, kann ja nicht ernst gemeint sein. Warum ist es denn dann da, und warum kann man die in ihm enthaltenen Nachrichten sogar qualifiziert signieren? Und warum sollte ich eine Nachricht von fünf Zeilen erst in ein extra Dokument packen, das signieren, dann hochladen, die Nachricht vielleicht auch noch selbst signieren und versenden? Einen abwegigeren (um keine treffendere Bezeichnung zu nutzen) Arbeitsablauf kann man sich nicht vorstellen.

    Das Postfachjournal wird auch noch zu lustigen Diskussionen führen. Da findet sich nach dem Versand der Nachricht der einfache Hinweis, sie sei erfolgreich übermittelt. Weitere Daten, insbesondere eine bestätigung des Intermediärs, wie sie XJustiz vorsieht, konnte ich noch nicht finden. Vielleicht brauche ich aber auch nur eine bessere Sehhilfe.

    Zusammenfassung nach dem ersten Betriebstag: Und das war jetzt alles? Eine einzige Enttäuschung.

  3. Groß sagt:

    Die Einführung des beA war ein erster Anstoß, die obigen Berichte sind wahrscheinlich der entscheidende zweite dazu, das Jahr 2017 zum letzten Berufsjahr nach Erreichen des Rentenalters zu machen!

  4. Bernd Woite sagt:

    Vielen Dank für die instruktiven Anleitungen.
    Wir haben es damit geschafft, uns zu registrieren. Das ist ja schon mal ein Erfolg.

    Ich stimme Ihnen zu : bedienungsunfreundlich und einfach nicht auf dem neuesten Stand. In Anbetracht des großen Aufwandes wirklich mau. Dabei gab es mit dem EGVP eine funktionierende „Basis“.

    Neben den bereits erwähnten Problemen ärgern wir uns derzeit über zwei Punkte.

    Ein Signieren der einzelnen eingebundenen Dateien bricht bei uns mit einer Fehlermeldung ab. Wir können nur den gesamten Nachrichten-„entwurf“ signieren.
    Warum gibt es dann eine vorgesehene Möglichkeit zur Signierung einzelner Dateien?

    Das System zeigt zwar an, daß die Nachricht übersendet worden ist, bietet allerdings keine Option, sich eine Sendebestätigung auszudrucken oder zu speichern.
    Unsere Lösung sieht so aus, auf die gesendete Nachricht doppelt zu klicken. Die Nachricht wird dann entschlüsselt. Dann kann unter „Drucken“ eine Druckansicht geöffnet werden; wir schaffen es allerdings nur, dann mit dem Browserfeld „Drucken“ in Firefox einen Teil auszudrucken. Ärgerlich, denn schließlich benötigen wir ja eine Sendebestätigung in der Akte. Das funktionierte mit dem EGVP viel besser.
    Vielleicht hat ja ein Kollege hierzu eine Lösung?

  5. Rechtsanwalt Axel Fachtan sagt:

    Ich bin nun einer derjenigen, die das beA generell für eine Zumutung halten und für einen Eingriff in die Berufsausübungsfreiheit, der bis 31.12.2017 der Grundlage entbehrt.

    Wer das näher wissen möchte, kann es an 2 Stellen im Berliner Anwaltsblatt nachlesen.

    Inhaltlich ist aber vor allem eins für die Anwälte und die technischen Anbieter tödlich:
    Alle werden zu Versuchskaninchen. Nicht nur die Anwälte, sondern auch die Softwarefirmen.
    Die BRAK und der technische Anbieter haben den Softwareanbietern bis zum 30.11.2016 keine Testserver und keine verlässliche und wohldokumentierte Testumgebung zur Verfügung gestellt, mit denen sie das beA verlässlich einbinden könnten. Warum das unterlassen wurde, obwohl schon mehr als ein Jahr aus Geldern der BRAK und des DAV die Werbetrommel für den technisch unausgereiften Mist gerührt wird, ist völig unverständlich.

    beA ist ein unzulässiger Eingriff in die Berufsausübungsfreiheit.
    Es ist teuer.
    Und es ist technisch rückständig.

    Sowohl der Deutsche Anwaltverein als auch die BRAK haben als Lobby der Anwaltschaft grauenhaft versagt.

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